Mit der Angst umgehen, Fehler zu machen
Vor Leistungen wie Prüfungen, Präsentationen oder gestalterischen Aufgaben Sorge zu empfinden, ist in schulischen Umgebungen verbreitet. Der Stressforschung zufolge, besonders der Theorie von Lazarus und Folkman zu Stress und Coping, entsteht Stress nicht allein aus der Situation selbst, sondern daraus, wie der Mensch sie deutet und mit ihr umgeht.
Stress als Deutung und Bewertung
Lazarus und Folkman beschreiben Stress als einen Prozess, in dem der Mensch zwei zentrale Bewertungen vornimmt:
- Primäre Bewertung: Wie wichtig oder bedrohlich ist die Situation?
- Sekundäre Bewertung: Habe ich die Ressourcen, sie zu bewältigen?
Wenn eine Schülerin oder ein Schüler erlebt, dass die Anforderungen die eigenen Ressourcen übersteigen, entstehen Stress und Sorge. Das bedeutet, dass zwei Schülerinnen oder Schüler auf dieselbe Situation völlig unterschiedlich reagieren können, je nachdem, wie sie sie deuten.
„Falsch eingestellte Brille“ – kognitive Deutungen
Die Metapher von der Brille lässt sich mit der Forschung zu kognitiven Verzerrungen verbinden. Bei Stress neigen Schülerinnen und Schüler dazu, Situationen einseitig oder negativ zu deuten:
- Selektive Aufmerksamkeit: Fokus auf das, was schiefgelaufen ist
- Katastrophendenken: dass kleine Fehler große, langfristige Folgen haben
- Übergeneralisierung: dass ein Misserfolg als Muster gedeutet wird
Diese Denkmuster beeinflussen sowohl Gefühle als auch Leistung. Sie wirken wie „Filter“, die die Wirklichkeit verzerren, statt sie widerzuspiegeln.
Coping: Strategien, um mit Stress umzugehen
Lazarus und Folkman zufolge nutzen Menschen verschiedene Strategien, um mit Stress umzugehen, das sogenannte Coping. Diese werden gewöhnlich in zwei Haupttypen unterteilt:
Problemorientiertes Coping Es geht darum, die Situation zu beeinflussen, zum Beispiel indem man:
- seine Arbeit plant
- mehr übt
- um Hilfe bittet
Emotionsorientiertes Coping Es geht darum, mit den entstehenden Gefühlen umzugehen, zum Beispiel indem man:
- akzeptiert, dass man Sorge empfindet
- die Situation umdeutet
- Entspannungs- oder Aufmerksamkeitsübungen nutzt
Beide Typen sind wichtig und ergänzen einander im schulischen Kontext.
Kontrolle und Akzeptanz – zwei Schlüsselbegriffe
Die moderne Forschung in der Psychologie hebt oft die Balance zwischen Kontrolle und Akzeptanz hervor:
- Bei Kontrolle geht es darum zu erkennen, was die Schülerin oder der Schüler tatsächlich beeinflussen kann (z. B. Vorbereitung, Anstrengung, Strategien).
- Bei Akzeptanz geht es darum, sich zu dem verhalten zu können, was sich nicht kontrollieren lässt (z. B. die genauen Prüfungsfragen, die Tagesform, die Bewertungen anderer).
Wenn Schülerinnen und Schüler versuchen, Dinge zu kontrollieren, die sich nicht kontrollieren lassen, steigt oft der Stress. Zwischen diesen beiden zu unterscheiden, kann stattdessen zu einer besseren Selbstregulation beitragen.
Achtsamkeit und Aufmerksamkeit
Achtsamkeitsbasierte Perspektiven betonen die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle zu beobachten, ohne automatisch auf sie zu reagieren. Für Schülerinnen und Schüler kann das bedeuten:
- die Sorge zu bemerken, ohne in ihr stecken zu bleiben
- die Aufmerksamkeit auf die Aufgabe im Hier und Jetzt zu richten
- den Einfluss negativer Gedankenspiralen zu verringern
Die Forschung zeigt, dass solche Haltungen Leistungsangst verringern und die Konzentration verbessern können.
Sorge lässt sich nicht beseitigen – aber die Beziehung zu ihr verändern
Eine wichtige Erkenntnis sowohl aus der Stress- als auch aus der Lernforschung ist, dass Sorge nicht beseitigt werden kann – und auch nicht muss. Ein gewisses Maß an Aktivierung ist eher funktional und kann Fokus und Leistung erhöhen.
Entscheidend ist stattdessen, wie sich die Schülerin oder der Schüler zur eigenen Sorge verhält:
- sie als Zeichen von Gefahr sieht
- oder als natürliche Reaktion vor etwas Wichtigem
Diese Umdeutung kann die negativen Wirkungen der Sorge verringern.
Pädagogische Konsequenzen
Für Lehrkräfte bedeutet das, dass Schülerinnen und Schüler Unterstützung dabei brauchen können:
- zu verstehen, wie Gedanken Gefühle und Leistung beeinflussen
- zu erkennen, was sie kontrollieren können und was nicht
- sowohl problem- als auch emotionsorientierte Strategien zu entwickeln
- zu üben, Sorge wahrzunehmen und mit ihr umzugehen, ohne Herausforderungen auszuweichen
- zu normalisieren, dass Fehler und Unsicherheit ein Teil des Lernens sind
Der Schwerpunkt liegt nicht darauf, Sorge zu beseitigen, sondern darauf, Strategien zu entwickeln, um auf funktionale und nachhaltige Weise mit ihr umzugehen.