Planen und priorisieren können
In der heutigen Gesellschaft begegnen Schülerinnen und Schülern mehr Wahlmöglichkeiten und Anforderungen als früheren Generationen. Schularbeit, soziale Aktivitäten und Freizeitinteressen konkurrieren um Zeit und Aufmerksamkeit. Die Forschung zeigt, dass das, was darüber entscheidet, wie gut Schülerinnen und Schüler damit umgehen, nicht in erster Linie der Wille ist, sondern kognitive Fähigkeiten, die mit Planung und Selbstregulation verbunden sind.
Exekutive Funktionen – das „Leitsystem“ des Gehirns
Planen und Priorisieren beruhen auf den sogenannten exekutiven Funktionen, die sich in den vorderen Bereichen des Gehirns entwickeln. Diese Funktionen helfen uns:
- zu planen und zu organisieren
- Ziele zu setzen und zu wählen, was am wichtigsten ist
- mit Aufgaben in Gang zu kommen
- den Fokus über die Zeit zu halten
- das abzuschließen, was wir begonnen haben
Wenn diese Funktionen gut arbeiten, können Schülerinnen und Schüler ihre Zeit strukturieren und durchdachte Entscheidungen treffen. Wenn sie überlastet oder unterentwickelt sind, können Schülerinnen und Schüler stattdessen Chaos, Stress und aufschiebendes Verhalten erleben.
Selbstregulation – das eigene Verhalten steuern
In der sozial-kognitiven Theorie (Bandura) wird Selbstregulation als zentrale Fähigkeit beschrieben. Sie bedeutet, dass der Mensch in der Lage ist:
- sich Ziele zu setzen
- seine Arbeit zu planen
- sein Verhalten zu überprüfen und anzupassen
Schülerinnen und Schüler, die Selbstregulation entwickeln, werden besser darin, Verantwortung für ihr Lernen und ihre Zeit zu übernehmen. Sie lernen, nicht nur auf das zu reagieren, was sich im Moment am verlockendsten anfühlt, sondern auch langfristige Ziele zu berücksichtigen.
Aufmerksamkeit und kognitive Belastung
Wenn Schülerinnen und Schüler viele Aufgaben oder Eindrücke gleichzeitig haben, kann kognitive Belastung entstehen. Das bedeutet, dass das Arbeitsgedächtnis überlastet wird, was dazu führt, dass:
- Dinge vergessen werden
- es schwerfällt, in Gang zu kommen
- Entscheidungen überwältigend wirken
Planung und Struktur wirken dann als Unterstützung – sie „entlasten“ das Gehirn, indem sie Aufgaben klarer und bewältigbarer machen.
Die Metapher vom Kleiderschrank – mentale Ordnung schaffen
Die Metapher vom Kleiderschrank spiegelt mehrere zentrale Prinzipien der Forschung wider:
- Unordnung im Kleiderschrank entspricht vielen unsortierten Aufgaben und Anforderungen
- Aufräumen und Sortieren entspricht dem Planen und Priorisieren
- Platz schaffen entspricht dem Freisetzen mentaler Energie
Wenn Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben organisieren:
- verringern sich Stress und Unsicherheit
- wächst das Gefühl von Kontrolle
- wird es leichter, in Gang zu kommen
Die Forschung zeigt, dass eine klare Struktur sowohl zu größerem Wohlbefinden als auch zu besserer Leistung beiträgt.
Priorisieren – wählen, nicht alles schaffen
Ein zentraler Bestandteil der Planung ist die Fähigkeit zu priorisieren. Das bedeutet:
- zu erkennen, was gerade jetzt am wichtigsten ist
- zu akzeptieren, dass nicht alles gleichzeitig getan werden kann
- bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie die Zeit genutzt wird
Das ist mit zielgerichtetem Verhalten im Rahmen der Selbstregulation verbunden – der Fähigkeit, Ablenkungen zu widerstehen und Handlungen zu wählen, die langfristige Ziele unterstützen.
Zeitgefühl und Zukunftsdenken
Planen erfordert auch die Fähigkeit, vorauszudenken – sich künftige Bedürfnisse und Folgen vorzustellen. Diese Fähigkeit entwickelt sich bei Schülerinnen und Schülern allmählich und braucht oft Unterstützung, zum Beispiel durch:
- konkrete Planung (Zeitpläne, Listen)
- klare Teilziele
- visuelle Struktur
Ohne solche Unterstützung wird die Zukunft leicht abstrakt, was dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler das priorisieren, was sich im Moment wichtig anfühlt.
Planung als trainierbare Fähigkeit
Die Forschung zeigt, dass Planen und Priorisieren keine angeborenen Eigenschaften sind, sondern Fähigkeiten, die sich entwickeln lassen. Schülerinnen und Schüler können üben:
- Aufgaben in kleinere Schritte zu zerlegen
- einzuschätzen, wie lange etwas dauert
- einfache Prioritäten zu setzen
- nachzuverfolgen, was funktioniert hat
Durch Übung werden sowohl die exekutiven Funktionen als auch die Selbstregulation gestärkt.
Pädagogische Konsequenzen
Für Lehrkräfte bedeutet das, dass Schülerinnen und Schüler Unterstützung dabei brauchen können:
- sich einen Überblick über ihre Aufgaben zu verschaffen
- zu verstehen, was wichtig ist und was warten kann
- Routinen für die Planung zu entwickeln
- zu üben, mit der Arbeit in Gang zu kommen und sie abzuschließen
- darüber zu reflektieren, wie sie ihre Zeit nutzen
Wichtig ist außerdem, dass der Unterricht Planung sichtbar und konkret macht, statt sie als selbstverständlich vorauszusetzen. Der Schwerpunkt liegt darauf, Struktur zu schaffen, Stress zu verringern und die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken, Verantwortung für ihre eigene Zeit und ihr eigenes Lernen zu übernehmen.