Motivation und Beziehungen
Die Selbstbestimmungstheorie (SDT) beschreibt, wie Motivation durch unsere Umgebung beeinflusst wird, besonders durch die Beziehungen zu anderen Menschen. Edward Deci und Richard Ryan zeigen in einer Zusammenschau von Studien, dass Motivation nicht nur etwas ist, das im Inneren des Individuums vorhanden ist, sondern im Zusammenspiel mit anderen entsteht – etwa mit Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern. Wie Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer behandelt werden, hat daher große Bedeutung für ihre Motivation, ihr Engagement und ihr Wohlbefinden.
Drei grundlegende Bedürfnisse
Der Theorie und den auf ihr beruhenden Studien zufolge müssen bei allen Schülerinnen und Schülern drei grundlegende Bedürfnisse erfüllt werden, damit Motivation entsteht und erhalten bleibt.
Selbstbestimmung (Autonomie)
Schülerinnen und Schüler müssen das Gefühl haben, Einfluss und eine gewisse Kontrolle über ihr Lernen zu besitzen. Das bedeutet nicht, dass die Schülerinnen und Schüler tun dürfen, was sie wollen, sondern dass sie den Sinn des Unterrichts verstehen und ihn als bedeutungsvoll erleben.
Im Klassenzimmer kann das zum Beispiel bedeuten, dass Schülerinnen und Schüler zwischen verschiedenen Aufgaben wählen dürfen, sich eigene Ziele setzen oder dass die Lehrkraft klar erklärt, warum ein bestimmter Inhalt wichtig ist, zum Beispiel: „Wir arbeiten an Englisch, damit du es anwenden kannst, wenn du reist oder Spiele spielst.“
Das Gefühl, Aufgaben zu bewältigen (Kompetenz)
Um Motivation zu empfinden, müssen Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie erfolgreich sein können. Aufgaben müssen daher angemessen herausfordernd sein und mit Unterstützung und klarer Rückmeldung verbunden werden.
Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Aufgaben in kleinere Schritte unterteilt werden, dass die Lehrkraft konkrete Rückmeldung gibt oder dass Schülerinnen und Schüler merken, dass sie sich mit der Zeit weiterentwickeln. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler bei etwas Erfolg hat, wächst der Wille, sich weiter anzustrengen.
Zugehörigkeit (Beziehungen)
Schülerinnen und Schüler müssen sich sicher, akzeptiert und gesehen fühlen. Die Beziehung sowohl zu den Lehrkräften als auch zu den Mitschülerinnen und Mitschülern ist entscheidend für die Motivation.
Beispiele dafür sind Lehrkräfte, die zeigen, dass sie sich kümmern, Mitschülerinnen und Mitschüler, die einander unterstützen, und ein Klassenklima, in dem es in Ordnung ist, Fehler zu machen. Wenn Schülerinnen und Schüler Zugehörigkeit empfinden, trauen sie sich, mehr Raum einzunehmen und Neues auszuprobieren.
Studien zeigen: Wenn Schülerinnen und Schüler das Gefühl haben, Einfluss zu besitzen, erleben, dass sie Aufgaben bewältigen, und sich in der Gruppe sicher fühlen, steigen Motivation, Engagement und Ausdauer. Fehlt hingegen eines dieser Bedürfnisse – etwa wenn Schülerinnen und Schüler keine Wahlmöglichkeiten haben, die Aufgaben als zu schwer erleben oder sich in einer unsicheren Umgebung befinden –, sinkt die Motivation.
Zusammenfassung
Motivation entsteht in einer Lernumgebung, in der Schülerinnen und Schüler „Ich will“ (Autonomie), „Ich kann“ (Kompetenz) und „Ich gehöre hierher“ (Zugehörigkeit) erleben.
Auf der Selbstbestimmungstheorie beruhende Studien bilden die Grundlage für die Arbeitsweisen und Strategien für Lehrkräfte wie auch für Schülerinnen und Schüler, die in Pomelo verwendet werden
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68